Mentale Stärke: Das innere Team beim klettern

Ein Beitrag von Melanie Michalski 

(veröffentlicht im DAV Panorama Magazin 02/19)

Im zweiten Beitrag zum Thema, wie Frauen glücklicher und stärker klettern können, betrachtet die Kletter- und Mentaltrainerin Melanie Michalski die Potenziale, die der Kopf bereithält. Natürlich dürfen auch Männer ihre Tipps nutzen …

Neulich am Fels

Neulich am Fels: Neben uns kletterten drei „gemischte“ Seilschaften, jeweils Frau und Mann. Bei allen Seilschaften stieg der Mann vor und hängte die Exen ein, die Frauen folgten im Toprope. Eine hatte im Nachstieg Angst loszulassen. Bei einem anderen Team kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung, weil er ihr jeden Zug erklärte und sauer wurde, als sie seine Vor- gaben nicht umsetzte. Wir wissen nicht, ob sie ihn gehört und ignoriert hat oder ihn im Stress und Tunnelblick nicht mehr hören konnte. Wie dem auch sei: Jedesmal, wenn ich solche Szenen sehe, frage ich mich, wie sehr diese Frauen eigentlich bei sich sind und wissen, was für sie gut wäre und was sie gerade brauchen?

Typisch Mann, typisch Frau – was ist das eigentlich? Es ist fraglich, ob Frauen tatsächlich ängstlicher sind oder Männer nur anders mit ihrer Angst umgehen. Auffällig ist jedoch, dass viele Frauen in ihrer Angst stecken bleiben. Oft haben sie keine andere Strategie als eben im Top- rope zu klettern, sich selbst kleinzumachen oder über die Angst als lähmenden Begleiter zu reden.

Mit dieser inneren Haltung wird sich die Situation aber nicht verändern. Im Gegenteil: Über kurz oder lang verändert sich die Dynamik in der Seilschaft. Der Mann übernimmt immer mehr die Führung, die Frau wird unsicherer, was sie frustriert und ihrem Selbstwertgefühl schadet. Und auf beiden Seiten wächst der Stress. So dass aus der geliebten Freizeitbeschäftigung etwas wird, von dem man sich anschließend erholen muss. Natürlich betrifft dieses Phänomen nicht alle Frauen, dafür auch manche Männer. Was aber kann man tun, wenn man in dieser Falle steckt? Einer meiner Lösungsansätze beruht auf dem Persönlichkeitsmodell des „Inneren Teams“ von Friedemann Schultz von Thun. Es symbolisiert die Vielfalt des menschlichen Innenlebens durch ein Team und seinen Leiter.

Viele Seelen in der Brust

Jedes „Mitglied“ des Inneren Teams ist einer der diversen Antriebe einer Kletterin und möchte im Grunde etwas Gutes. Aber wenn die Stimme eines oder mehrerer Mitglieder nicht berücksichtigt wird, kann es sein, dass sie zu laut werden und plötzlich (und nicht unbedingt zielführend) Einfluss auf das Geschehen an der Wand nehmen. Die Kletterin kann nun versuchen, jede Stimme zu hören und als Leiterin einer „inneren Ratsversammlung“ kooperierend zusammenzubringen – mit dem Ziel, selbst zu entscheiden, welche Handlungsweise gerade sinnvoll ist. Es gibt unterschiedliche innere Stimmen (Persönlichkeitsanteile), die Frauen an den Fels bringen.

Zum Beispiel eine, die Spaß möchte („die Genießerin”), eine, die an die Grenze gehen will („die Grenzgänge- rin”) oder eine, die eine gute Zeit mit dem Part- ner verbringen möchte („die Harmonische”). Fast immer mit dabei ist „der Sicherheitsinspektor“, der die wichtige Aufgabe hat, vor gefährlichen Situationen zu warnen. Zudem können sich weitere Anteile, wie etwa „die Unsichere“ oder „die Kleinmacherin“, „die Vergleicherin“ und „das Leistungstierchen“ melden, die den Spaß und die Freude am Fels erschweren können, wenn sie zu laut werden. Dennoch sollten alle inneren Stimmen ernst genommen werden, da sie anzeigen können, was die Kletterin gerade braucht.

Und eine solche innere Selbstklärung kann helfen, viele am Selbstwert oder an der Motivation nagende Situationen zu vermeiden. So könnte der Sicherheitsinspektor wollen, dass die Kletterin ihr Leben sicher und selbstbestimmt meistert. Wenn sie zu viel Verantwortung an ihren Sicherungspartner abgibt, wird der Sicherheitsinspektor laut aufschreien, da er nicht berücksichtigt wurde. Zu seiner Beruhigung könnte sich die Kletterin zum Beispiel die Route zusammen mit ihrem Partner anschauen und checken, welche objektiven Gefahren es gibt und wo die Schlüsselstelle sein könnte.

Wie also kann eine Kletterin zur Leiterin ihres „Inneren Teams“ werden?

  • Schon bevor es an den Fels geht: Nimm den Druck raus, gehe liebevoll mit dir selbst um. Frage dich: Wie war die letzte Woche? Anstrengend? Bin ich mental gerade schon auf Anschlag?
  • Lasse die inneren Stimmen nacheinan-der zu Wort kommen, um herauszufinden, was sie heute und jetzt brauchen. Dadurch wird die Grundaufstellung deines inneren Kletter-Teams deutlich.
  • Mach dir klar, dass du aus Leidenschaft kletterst, nicht um deine Brötchen damit zu verdienen. Heißt: Du darfst auch mal nicht müssen – auch wenn der Partner was anderes sagt.
  • Und klar, auch dein Leistungstierchen will manchmal gefordert werden. Deswegen ist es wichtig zu überprüfen, ob „Balu der Bär“ gerade das Kommando in deinem Inneren Team hat oder alle gleichberechtigt zu Wort kommen. Hier hilft es nur, absolut ehrlich zu sich selbst zu sein: Bin ich wirklich total kaputt und es ist besser zu topropen? Oder könnte das eine Ausrede sein, weil ich zum Beispiel Sturzangst habe oder nicht scheitern will?
  • An der Wand wirst du dann manchmal feststellen, dass du vorher nicht genau einschätzen konntest, was deine inneren Kletter-Team-Mitglieder brauchen. Dann wärme dich erst mal mit zwei bis drei leichteren Routen auf, eventuell im Toprope, um Körper und Geist an die Situation zu gewöhnen. Danach kannst du mithilfe des inneren Teams besser entscheiden, was jetzt passt.
  • Und dann heißt es: reden, reden, reden. Erkläre deinem Seilpartner, was du von ihm brauchst; frage ihn nach seinen Plä- nen; überlegt miteinander, wie ihr euch gegenseitig unterstützen könnt. Motto: Jeder sagt, was er/sie möchte und was heute wichtig ist, dann einigt man sich. Klettern ist ein Teamsport, und alles, was nicht ausgesprochen ist, ist trotzdem da und beeinflusst das Geschehen.
  • Wenn das Reden direkt am Fels nicht klappt, weil die Situation emotional zu aufgeladen ist, nehmt euch ein andermal Zeit, um darüber zu sprechen. Gerade in Paar-Konstellationen ist das wichtig und hilfreich. Dabei geht es nicht um Schuld- zuweisungen, sondern um konstruktive Ansätze, was jeder braucht, um mit Freu- de auf das nächste Kletter-Wochenende blicken zu können.

Wie aber funktioniert diese „Teamleitung” beim eigentlichen Klettern?

In meinen Kursen und im Coaching habe ich oft erfahren, dass viele Frauen beim Klettern an anderes denken, wie etwa: Was passiert, wenn ich die Tour nicht klettere, besser werde als mein Partner, beim Clippen stürze und dann nicht zum Radeln kann … Hier melden sich meist mehrere innere Stimmen, etwa die Planerin, die Vergleicherin oder der Sicherheitsinspektor.

All diese Anteile sollen vor dem Klettern gehört und vor allem die objektiven Gefahren geklärt werden. Dann aber gilt es, im Hier und Jetzt zu sein und den Gedankenraum störungsfrei zu halten. Das gelingt am besten durch Konzentration auf das, was man zum Klettern braucht: die Bewegung und die Gegebenheiten am Fels. Etwa auf das bewusste Setzen der Füße oder in einem Selbstgespräch: rechter Fuß auf Tritt, Hüfte drüberschieben, rechte Hand lösen und zur Leiste … Außer- dem hilft es, sich auf das Atmen zu konzentrieren, denn man kann weder zurück noch in die Zukunft atmen – bewusst Atmen passiert immer im Hier und Jetzt.

Nach dem Klettern der Route kann man dann ausprobieren, andere innere Stimmen als bisher zu Wort kommen zu lassen. Beispielsweise nicht wieder der „Kleinmacherin“ Raum geben („die Tour war ja leichter als angegeben“ oder „die ist mir halt reingelaufen“), sondern die „Selbst- sichere“ in den Vordergrund holen: „Das habe ich geschafft. Das bin ich!“

Je besser frau die inneren Anteile kennt, die sie an den Fels begleiten, umso leichter kann sie Kontakt zu ihnen herstellen und herausfinden, auf welche sie stärker hören möchte („die Zuversichtliche“, „die Selbstsichere“, „die Mutige“) und welche Anteile eher auf der Ersatzbank warten und sich nur für einen Notfall bereit halten sollten („die Vergleicherin“, „die Unsichere“, „das Gewohnheitstier“). Hieraus ergeben sich oft neue Handlungsweisen – wie etwa dem Partner zu sagen: „Ich hänge heute die Expressen hoch“ oder „Ich spiele heute in meinem Projekt und brauche keine Ansagen von dir.“

Das Bewusstmachen des inneren Kletter- Teams könnte vielen Frauen helfen, zur besten Kletterin zu werden, die sie sein können, ihr Potenzial zu verwirklichen und Spaß daran zu haben – jede ganz individuell auf ihre Art.

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