Interview mit Alex Megos

Alex Megos über mentale Aspekte beim Klettern

Bei unserem Ausflug nach Céūse, einem der anspruchsvollsten und beeindruckendsten Klettergebiete im Sportkletterbereich, haben Ben und ich Alex Megos getroffen. Am Fels waren wir oft beeindruckt wie Alex scheinbar so gar kein Thema hat 5 Meter über dem Haken einfach loszulassen, jeden Tag motiviert ist und immer einen lustigen Spruch auf den Lippen hat. Neben lustigen Tagen am Fels, haben wir uns sehr gefreut, dass Alex uns einen Abend besucht hat und uns bei einer Tasse Tee einige Geheimnisse zu seiner mentalen Stärke verraten hat und wie er es schafft so motiviert und locker das Leben als professionaler Kletterer zu meistern.

Melanie: Was war für dich deine mental anspruchsvollste Route, die du bisher geklettert hast?
Alex: Uh, mmmhhh, ….meine mental mit anspruchsvollste Route war eher ein Boulder – das war „Lucid Dreaming“. Ich habe ewig lang gebraucht – Vermutlich deswegen: desto länger man braucht, desto mental anspruchsvoller wird es, denke ich.
Melanie: Wie lange hast du für den Boulder gebraucht?
Alex: 11 Tage – ich denke auch je weniger Züge man hat, je weniger man den Fortschritt sieht, desto mental anspruchsvoller wird es. Es waren ja nur 3 Züge und wenn man alle Einzelzüge innerhalb von 2 Tagen macht und trotzdem noch 11 Tage braucht, dann ist das mental doch sehr anstrengend.
Melanie: Wie hast du es geschafft, dass du dich dann trotzdem motivieren konntest?
Alex: Ich wusste früher oder später wird es schon klappen. Zudem hatte ich auch 3 Wochen Zeit und da dachte ich mir: „du machst jetzt einfach weiter, bis es halt klappt.“
Melanie: Ok, das heißt du bist jeden Tag hin, hast probiert, verfeinert…
Alex: Ja, genau richtig. Nach 8 Tagen habe ich festgestellt, dass ich endlich Versuche machen kann und dann war es für mich eigentlich nur noch eine Frage der Zeit, bis der Versuch kommt indem ich den Boulder klettere.
Melanie: Hast du eine bestimmte Strategie, sagst du etwas zu dir selber, oder wie machst du das so motiviert und positiv an die Sache ranzugehen?
Alex: Nun ja, was mir geholfen hat waren die regelmäßigen Gespräche mit meinen Trainern Patrick Matros und Dicki Korb und meine tagtäglichen Routinen, die ich richtig eingeschliffen habe: Ich bin immer zur selben Zeit aufgestanden, habe dasselbe gefrühstückt und war immer zur gleichen Zeit am Fels. Das hat mir geholfen zu merken, wo ich gerade stehe. Das Witzige war, an dem Tag, als ich den Boulder geklettert habe, habe ich alle Rituale über den Haufen geworfen.
Melanie:  Wow, das ist ja spannend, heißt das du würdest weiterhin an deinen Routinen festhalten?
Alex: Ja, auf jeden Fall. Sie haben mir am Anfang auf jeden Fall geholfen Anhaltspunkte zu bekommen und mich zu motivieren.
(„Lucid Dreaming“, 8C, Bishop/Kalifornien, Film dazu bei RED BULL (Video)

Melanie: Wie gehst du damit um, dass du oft die Aufmerksamkeit auf dich ziehst und Menschen dich beim Klettern beobachten?
Alex: Ich denke mir: „Das ist doch egal, sollen sie halt zuschauen.“ Ich mache mich frei davon und wenn ich was ernsthaft probiere, dann denke ich nicht daran wer mir gerade zuschaut.
Melanie: Bekommst du dann deine Umgebung gar nicht mehr mit?
Alex: Wenn ich klettere, dann konzentriere ich mich nur aufs klettern und nicht wer um mich rum ist. Im Durchstieg bekomme ich dann wirklich gar nichts mehr mit.
Bei „Lucid Dreaming“ waren 3 Leute dabei, die mich sehr unterstützt haben.
Melanie: Hast du beim Seilklettern auch Routinen oder mentale Rituale für dich?
Alex: Bevor ich einsteige gehe ich die Züge gedanklich nochmal durch und stelle sicher dass alles passt, also dass der Knoten schön gebunden ist, dass die Schuhe schön gebunden sind und dass die Finger schön gechalkt sind.
Melanie: Für was ist es wichtig, dass alles gut aussieht und schön ist?
Alex: Naja dass ich mich komplett aufs Klettern konzentrieren kann und nicht abgelenkt werde.
Melanie: Und ist es für dich auch entscheidend, dass du dir zu irgendeinem Zeitpunkt visualisierst wie du oben ankommst?
Alex: Ja, klar! Frisch und mit einem Lächeln auf den Lippen!
Melanie: Passiert das auch nochmal während den Schüttelpositionen, dass du dir vorstellst, wie du den Umlenker klippst?
Alex: Das versuche ich zu vermeiden, weil ich das Gefühl habe, es ist das Falsche an den Umlenker zu denken, wenn man gerade kurz vor der Crux ist. Da denke ich nur an die Crux.
Melanie: Ah ok und gehst sie nochmal im Kopf durch?
Alex: Ja genau

Melanie: Du hattest mir ja vorgestern schon mal kurz erzählst, dass du es auch kennst, wenn dir ein Sturz nicht so leicht fällt.
Alex: Ja, das kenne ich.
Melanie: Wie gehst du damit um und wie bist du da raus gekommen?
Alex: Also, ich würde sagen, dass ich jetzt prinzipiell kein Sturzproblem mehr habe. Also ich habe kein Problem weit über dem Haken zu stehen und ich habe auch kein Problem weit ins Seil zu fallen.
Ich denke es ist das Beste sich mit der Angst zu konfrontieren, dann kann sie weniger werden.
Melanie: Wie machst du das? Wie konfrontierst du dich?
Alex: Ich klettere weit über den Haken checke, ob ich weit genug oben bin, so dass nichts passiert, rufe zu meinem Sicherungspartner runter: „weich sichern kannst du ja!“ und dann lass ich los! Das geht eigentlich ganz gut! (lacht)
Melanie: Ja, das haben wir gesehen, dass es für dich ganz leicht wirkt! Wie bist du da hin gekommen? Erinnerst du dich noch?
Alex: Du meinst wie ich über den Haken gekommen bin?
Melanie: Ja
Alex: Na ja einfach hochklettern (lacht).
Melanie: Bist du da komplett in deiner Komfortzone?
Alex: Nein natürlich nicht, doch ich habe gelernt wenn man das Unangenehme macht, ist es danach meist besser. Man muss sich nur überwinden, dann wird es jedes Mal besser und die Überwindung geringer.
Melanie: Ist es das was du Kletterern mit Sturzangst raten würdest? Konfrontiert Euch?
Alex: Ja schon, auf jeden Fall. Ich würde ihnen raten nicht so weit zu klettern, dass sie Todesängste haben, aber so weit, dass sie sich unwohl fühlen. Dann kann man sich ja nochmal bei seinem Sicherer versichern, ob alles „safe“ ist und ob er einen hat und dann einfach mal abspringen.

Melanie: Nachdem du ja so viel unterwegs bist, hast du ja nicht immer die gleichen Sicherungspartner. Hast du Kriterien nach denen du deine Sicherer auswählst?
Alex: Mir ist es wichtig, dass der Sicherer so sichern kann, dass es gefahrenfrei ist. Ich habe da Vertrauen, auch in Kletterer die nicht so gut klettern können. Wenn sie sich das selber zutrauen, dann ist es für mich ok. Oft schaue ich mir davor an, wie jemand sichert, wenn er andere Kletterer sichert und wenn ich das Gefühl habe, der weiß was er da tut, dann ist es für mich ok.
Melanie: Also du checkst deine Sicherer schon vorher.
Alex: Ja doch, nur meist haben die Leute Angst davor mich zu sichern. Ich weiß zwar auch nicht wieso. Vermutlich haben sie Angst, dass sie was falsch machen wo ich mir dann denke „naja, ist doch eigentlich nicht so schlimm, Fehler kann jeder mal machen und ich bin jetzt wahrscheinlich auch nicht der Beste Sicherungsmann‘. Dass man mal irgendwie zu spät Seil gibt, weil man dumm auf dem Seil rumsteht, das passiert doch jedem mal und da reagiere ich jetzt auch nicht anders, wie jeder andere Mensch auch.

Melanie: Du hattest ja dieses Jahr auch eine Fingerverletzung, wie bist du damit umgegangen?
Alex: Ich habe mir etwas anderes gesucht womit ich meine Zeit vertrieben habe.
Ich habe zu mir gesagt „ok, ich will einen einarmigen Handstand können‘ und da war ich dann auch erst mal beschäftigt und bis ich das dann einigermaßen drauf hatte konnte ich auch schon wieder klettern.
Melanie: Wie war das mental für dich so ganz ohne klettern?
Alex: Nicht einfach, aber ich habe mich daran gewöhnt und habe mich damit abgefunden. Je eher man es akzeptiert desto besser ist es für den Heilungsprozess.
Melanie: Ich stelle mir das ja schon echt schwierig vor. Wie hast du es geschafft motiviert zu bleiben und all das auszuprobieren?
Alex: Naja, ich denke mal, ganz wichtig war, dass ich mir ein anderes Ziel gesucht habe. so dass ich nicht ständig ans klettern denken musste und an die Verletzung.
Melanie: Du hattest mir erzählt, dass du im Schnitt 9 Monate im Jahr unterwegs bist. Ich stelle mir das schon taff vor sich jeden Tag zum Klettern zu motivieren, dran zu bleiben, zu versuchen, zu trainieren. Kennst du Morgende an denen du lieber liegen bleibst, Tage an denen deine Motivation weniger da ist?
Alex: Ja sicher kenne ich Momente in denen ich weniger motiviert bin. Ich hatte auch schon ein richtiges Motivationsloch. Das ist vermutlich jetzt 6 Jahre her. Das war nicht einfach und ich musste akzeptieren, dass ich mal eine Pause brauche – die ich dann schweren Herzens auch gemacht habe.
Auch jetzt gibt es Tage an denen ich weniger motiviert bin als an anderen. Dies sind meist die Tage an denen ich aufstehe und mich gleich wie 40 fühle ….
Melanie:   …Willkommen in unserer Welt (alle lachen)
Alex: …Da bin ich dann eher weniger motiviert… (lacht)
Melanie: Und was machst du dann?
Alex: Naja, dann dehne ich meist erst mal und rolle mich über die Blackroll. Danach überlege ich mir was ich mache, schraube meine Erwartungen runter und versuche zu akzeptieren, dass sich nicht jeder Tag gut anfühlt. Ich überlege mir und wäge ab, ob es Sinn macht trotzdem zu trainieren, da ich ein bestimmtes Ziel verfolge oder ob ich so wirklich gar keinen Bock habe, so dass jedes Training eher kontraproduktiv wäre.
Melanie: Aber das erfordert ja auch eine brutale Ehrlichkeit zu dir selber.
Alex: Ja klar!
Melanie: Es ist für mich die Herausforderung zu spüren ob ich gerade wirklich komplett fertig bin oder nur denke, dass ich gerade komplett fertig.
Alex: Ja genau, das erfordert Ehrlichkeit mir selbst gegenüber. Da bin ich wohl ein ehrlicher Mensch. (lacht)

Melanie: Welche mentale Übung würdest du sagen ist die, die dir am meisten geholfen hat?
Alex: Ich denke, dass was mir bisher am meisten geholfen hat, ist über Dinge zu reden, die mich gerade am meisten beschäftigen. Das ist eigentlich eine gute mentale Übung, auch wenn viele es nicht als solche bezeichnen würden. Und da habe ich mit meinen beiden Trainern erfahrene und vertrauensvolle Partner. Wir arbeiten seit über 10 Jahren zusammen und kennen uns sehr gut. Mit ihnen, meiner Schwester und meinem Kumpel Felix kann ich mich über alles unterhalten. Ich denke genau solche Leute sind wichtig.
Melanie: Das ist immer eine gute mentale Übung! Der Ballast kann unten bleiben und man muss ihn nicht die Route mit „hochschleppen“.
Alex: Ja genau. Ich muss es nicht in mich hineinfressen, sondern kann mit jemandem darüber reden, der mir vielleicht eine andere Sichtweise aufzeigt. Das hilft schon ungemein.

Melanie: Was würdest du sagen hast du beim Klettern über dich selbst gelernt?
Alex: Ich denke mal durchs klettern habe ich gut an Selbstbewusstsein bekommen, das ich ohne das Klettern vielleicht nicht bekommen hätte.
Es gibt Sachen in denen bin ich gut, wie im Klettern zum Beispiel, das mir Selbstbewusstsein gibt und im Gegenzug gibt es Dinge, in denen ich nicht gut bin. Doch durch das Klettern habe ich gelernt, dass das dann halt so ist und dass ich insgesamt selbstbewusster in Situationen reingehe, die mir vielleicht auch nicht so liegen.
Melanie: Was würdest du machen, wenn du nicht klettern würdest?
Alex: Dann würde ich am Fingerboard hängen, einarmig mit Zusatzgewicht (lacht)  – real british in the dark cellar!
Ben: …..das ist echtes Klettern!
Alle lachen
Alex: Spaß bei Seite, ich denke ich würde trotzdem viel reisen und dabei fotografieren.
Melanie: Und meine letzte Frage: Was hat klettern für dich mit dem Leben zu tun?
Alex: Ja viel … alles eigentlich! Klettern ist mein Leben, ich kann mir ein Leben ohne klettern nicht vorstellen, weil sich alles ums klettern dreht und nebenbei verdiene ich mein Geld damit.
Ben: Eine letzte Frage habe ich noch: Was machst du wenn du einen Fehler machst, einen falschen Tritt nimmst oder so was?
Alex: Das regt mich dann kurz auf und spornt mich eigentlich nur noch mehr an jetzt erst recht hoch zu kommen. Es motiviert mich eigentlich noch mehr trotz Fehler die Route zu klettern.
Ben: Danke dir!
Melanie: Danke Alex für das sehr interessante Gespräch und deine Offenheit.
Alex: Sehr gerne!

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